Leseprobe „Im Haus der Lügen“

 

Wilhelm Berger, der gerade erst aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekommen ist, muss sich nicht nur mit einem verzwickten Mordfall herumschlagen, sondern auch mit der unbewältigten Vergangenheit. Er fragt seinen Mitarbeiter Wilfried Pagels nach dem Schicksal des Hamburger Gauleiters Karl Kaufmann.

 

»Ich nehme an, den haben sie aufgehängt?«

 

 

Pagels lachte. »Sie haben ihn nicht einmal angeklagt, Wilhelm!«

 

 

»Was?«

 

 

»Wundert dich das? Er war doch immer beliebt bei den Hamburgern. Zum Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher in Nürnberg war er nur als Zeuge geladen. Er hat bei der Gelegenheit ausgesagt, dass er von der Reichskristallnacht gar nichts gewusst hat. Als man ihn schließlich ins Bild gesetzt hat, habe er, wie er sagt, den Unsinn bei sich in Hamburg sofort unterbunden. Im Krieg hat er dafür gesorgt, dass die armen, ausgebombten Hamburger neue Wohnungen gekriegt haben, indem er die Evakuierung der Juden beschleunigt hat. So hat er es genannt. Natürlich hatte er keine Ahnung, was dann mit den Juden passiert ist. Und Extra-Lebensmittelrationen nach den Bombennächten hat er auch durchgesetzt. Und schließlich hat er dafür gesorgt, dass Hamburg am Ende des Krieges kampflos übergeben wurde. Kurzum: Er war ein Wohltäter der Hamburger.«

 

 

»Das war er nicht«, widersprach Berger erregt. »Er war der oberste Nazi der Stadt, und alle Verbrechen, die die Nazis begangen haben, die gehen letzten Endes auf sein Konto.«

 

 

»Sagen wir so: Diejenigen, denen er genützt hat, die sind ihm heute noch dankbar. Und diejenigen, die die Nazis umgebracht haben, die beschweren sich nicht mehr. – Aber eigentlich wundere ich mich über dein hartes Urteil, Wilhelm. Bist du nicht auch ein Nutznießer deiner Beziehungen zum Gauleiter?«

 

 

»Wie kommst du darauf?« Wilhelm Berger war fassungslos. Er sah zu, wie Pagels einen Rauchring in die Luft blies. Schließlich sagte er: »Ich habe keine besonderen Beziehungen zu Karl Kaufmann. Mein Vater hat vor 1933 die Nazis finanziell unterstützt. Als sie schließlich an die Macht kamen, war mein alter Herr schon tot. Ich habe mit dem Gauleiter nichts zu tun gehabt.« Aber während er dies sagte, wurde ihm schlagartig bewusst, dass diese Darstellung seinem Wunschdenken entsprach. Wenn Karl Kaufmann nicht gewesen wäre, hätte er schon im Herbst 1933 den Polizeidienst quittieren müssen. Wenn Karl Kaufmann nicht gewesen wäre, hätte seine Tochter Susanne nicht nach Amerika auswandern können. Und wenn Karl Kaufmann nicht gewesen wäre, hätten Dagmar und Horst 1939 überhaupt gar nicht erst den Versuch unternehmen können, Deutschland zu verlassen.

 

 

Pagels lächelte. »Für einen Mann ohne Beziehungen bist du erstaunlich gut durchgekommen«, sagte er.